Letzte Änderung durch JM am 30.Mai 2024, 16 Uhr
Restaurierung des Geläutes der Lutherkirche Ossa, Stadt Geithain OT Ossa
„LEADER IDENT.-Nr. 592022005501LDR
Gemäß denkmalpflegerischer Zielstellung vom 03.12.2021 und denkmalschutzrechtlicher Genehmigung vom 07.01.2022 sollten folgende glockentechnische Maßnahmen ausgeführt werden:
- Umhängung der beiden Bronzeglocken in gerade Eichenholzjoche, Herstellung und
- Einbau von 2 Eichenholzjochen in Analogie des vorhandenen historischen Holzjoches, einschließlich Herstellung schmiedeeiserner Bänder und Beschläge
- Neuherstellung von 2 geschmiedeten Klöppeln (< 120 HB Härte) mit reduziertem Gewicht (< 4,0 % des Glockengewichts)
- Erneuerung Glockenlager, Steuerung und dazugehörige elektromechanische Glockenläuteanlage für 2 Glocken,
- Ergänzung Turmelektrik, Turmbeleuchtung (Treppenaufgang) und Erweiterung Steigleitung für Glockensteuerung
Alle o.g. Leistungen wurden bis zum 31.12.2023 seitens der Ausführungsfirma Heidenauer Glockenläute- und Elektroanlagen GmbH erbracht und am 17.01.2024 fachtechnisch unter Anwesenheit von Herrn Dr. Hodick, Landesamt für Denkmalpflege abgenommen.
Die denkmalpflegerischen Ziele und damit auch die fördertechnischen Absichten wurden vollumfänglich erfüllt.“
gez. Dipl.-Ing. R. Kreß, gepr. Glockensachverständiger des BA
Denkmalpflegerische Zielstellung zum Geläut
1. Historie des Geläutes
Die Historie des Geläutes ist u.a. in der Literatur[1] beschrieben.
Demnach waren in Ossa bis 1854 drei Bronzeglocken vorhanden, über die folgende Angaben bekannt sind:
Glocke Material Gußjahr Gießer / Ort Ø Glocke Masse
1 Bronze 1605 Christoph Groß, Leipzig
2 Bronze 1605 Christoph Groß, Leipzig
3 Bronze 1616 Gabriel + Zacharias Hilliger, Freiberg
Vermutlich wegen Abnutzung oder Glockendefekten wurden nach fast 250 Jahren alle drei Glocken neu bzw. umgegossen durch die Glockengießerei Carl Friedrich Ulrich in Apolda:
Glocke Material Gußjahr Gießer / Ort Ø Glocke Masse
1 fis‘[2] Bronze 1854 C.F. Ulrich, Apolda Ø 1160 mm 960 kg
2 ais‘[3] Bronze 1854 C.F. Ulrich, Apolda Ø 950 mm 500 kg
3 cis‘‘ Bronze 1854 C.F. Ulrich, Apolda Ø 780 mm 260 kg
Gesamtgewicht 1.720 kg
Im ersten Weltkrieg noch verschont, mussten dann aber 1942 die beiden großen Glocken 1 + 2 bei der Glockenbeschlagnahmung im zweiten Weltkrieg zu Kriegszwecken abgegeben werden. Glücklicher Weise ging die große Glocke nicht verloren und konnte 1949 / 1950 wieder aus Hamburg nach Ossa zurückgeholt werden.
Seitdem sind folgende Glocken im Turm vorhanden:
Glocke Material Gußjahr Gießer / Ort Ø Glocke Masse
1 fis‘ Bronze 1854 C.F. Ulrich, Apolda Ø 1160 mm 960 kg
2 fehlt
3 cis‘‘ Bronze 1854 C.F. Ulrich, Apolda Ø 780 mm 260 kg
Gesamtgewicht 1.220 kg
Inschriften Glocken:
Glocke 1 Glaube
EHRE SEI GOTT IN DER HÖHE
Wenn mein Hülferuf erschallt
GLAUBE! Gott der Herr hilft bald!
Glaube lenkt des Christen Streben
Auf zum ewgen Vaterland
Glaube schlingt um Tod und Leben
Ein geweihtes Geisterband.
Guss von C. F. Ulrich in Apolda 1854
Glocke 3 Hoffnung
LASSET DIE KINDLEIN ZU MIR KOMMEN
Hoffend tritt der Mensch ins sein auf Erden
Hoffend schaut er auf zum ewgen Licht
Hoffnung laesst IHN nicht zu schanden werden
Wenn auch einst das Aug` im Tode bricht.
Guss von C. F. Ulrich in Apolda 1854
2. Glockenstuhl Bestand
Der in der Mitte zweifach mittels Andreaskreuzen ausgesteifte Kasten-Glockenstuhl ist wahrscheinlich im 17. Jh. mit den beiden Glocken von Chr. Groß, Leipzig, eingebaut worden, denn er ist ursprünglich nur mit zwei Gefachen ausgestattet. Er folgt in seiner Bauweise traditionellem Zimmerhandwerk mit sehr kräftigen, behauenen Balkenquerschnitten. Glücklicher Weise wurden hier keine wesentlichen Umbauten vorgenommen, so dass die historische Holzkonstruktion nahezu unverändert erhalten ist. Das zusätzliche Gefach für die Glocke 3 wurde an der nördlichen Stuhlwand additiv angebaut, wobei die größte Glocke 1 in der Mitte hängt. Derzeit ist das Gefach für Glocke 2 frei.
Bereits im Jahre 1930 wurde in einem Gutachten von Ernst Petzold festgestellt, dass „der jetzige Glockenstuhl mit dem Mauerwerk des Turmes verankert. Dies muss nicht nur bewirken, daß die Standfestigkeit des Turmes reißt, dass weiterhin der Putz abspringt und dass endlich auch des Dach stark leiden muss.“
Diese Prognosen sind bisher zum Glück nicht eingetreten, wenngleich das Übel bis heute nicht beseitigt wurde.
Der Abbund der historischen Holzkonstruktion erfolgt überwiegend über Zapfen- und Hakenblattverbindungen. Die Queraussteifung ist ursprünglich nur mit 4 äußeren 45° abgestrebten Fußbändern realisiert, die auf Grund starker Balkenquerschnitte bei gutem Formschluss damals wohl ausreichend war.
Im 20. Jahrhundert wurde die Turmdachkonstruktion zusätzlich auf der Innenseite mit liegenden Flacheisen ausgesteift, welche teilweise in die Stuhlkonstruktion eingreifen.
Der vorhandene Glockenboden hat eine Stärke von 40 mm.
Schäden / Sanierungskonzeption Glockentragwerk:
Partiell sind Schäden an den Blattsassen im Gefach der Glocke 1 (an den Diagonalstreben in Läuterichtung), im Bereich der horizontalen Längsbalken der Glockenlager sowie im Bereich der Mittelstütze (Ausnehmung für alten Uhrschlaghammer) vorhanden. Diese sollten zimmermannsmäßig passgenau ergänzt werden. Dabei sind fehlende Holzteile zu ersetzen, Holzkeile und Holznagelverbindungen nachzusetzen und Fehlstellen mit Altholz zu füllen.
Aus heutiger Sicht wäre unter Berücksichtigung höherer Querkräfte durch den Einsatz elektrischer Läutemaschinen hier eine Verstärkung der Queraussteifung im Bereich der Glocke 3 vorzusehen. Auch in Läuterichtung (Gefach Glocke 3) müssen zusätzliche Diagonalstreben als Zangenkonstruktion auf den vorhanden Holzrahmen aufgesetzt werden.
Die Ableitung der vertikalen Turmdachkräfte über das mittige Glockengefach kann erst nach Prüfung und Einschätzung eines erfahrenen Tragwerksplaners unterbunden (rückgebaut) werden. Die weitere Duldung dieser im Prinzip ungünstigen Bauweise sollte aber auf Grund der jahrzehntelangen schadensfreien Benutzung kein Problem darstellen.
3. Sanierungskonzeption Geläut
Auf Grund des liturgisch vorgegebenen, dreigeteilten Widmungsprogramms der Glocken (Glaube / Liebe[4] / Hoffnung) wird auch heute noch an der Ergänzung der fehlenden Glocke 2 festgehalten. Diese Ergänzung ist allerdings nicht Gegenstand der jetzigen Planung, soll jedoch in der Konzeption für spätere Generationen ausdrücklich vorbehalten bleiben. Auf Grund der ausgesprochen anspruchsvollen, sehr ausdifferenzierten und detailreichen Glockenzier der beiden Bestandsglocken wird empfohlen, hier bei einem möglichen Ergänzungsguss dieses Zierprogramm wiederaufzunehmen und eine Glocke nach Befund der 1854 untergegangenen neu zu konzipieren. [1] Die mittlere Glocke 2 „Liebe“ fehlt leider seit 1942.
Inschriften fehlende Glocke 2 Liebe
FRIEDE SEI MIT EUCH
VOM HIMMEL KAM DIE LIeB` AUF ERDEN
DURCH LIEBE KANN UNS SCHON DIE eRD`
EIN hIMMEL WERDEN.
Guss von C. F. Ulrich in Apolda 1854
Armaturen
Derzeit werden die Glocken noch von Hand geläutet und sind mit gekröpften und geschweißten Stahljochen und Gegengewichtsklöppeln Schilling` scher Bauart ausgestattet.
Dies soll im Zuge der Elektrifizierung wieder geändert werden.
Die Wiederverwendung des für eine Glocke mit 6-Henkelkrone zugeschnittenen alten Holzjochs (Querschnitt 130 x 180 x 950 mm) wurde allerdings wegen hohem Umbauaufwandes verworfen. Dieses Joch soll allerdings weiterhin wie bisher im Glockenturm zu Anschauungszwecken gut sichtbar aufbewahrt werden.
Zusätzlich dazu sind auch noch gekröpfte / genietete Eisenjoche und geschmiedete Gegengewichtsklöppel vermutlich aus dem 19. Jahrhundert vorhanden, die vor den Schillingarmaturen im Einsatz waren. Diese sind in denkmalpflegerischer Hinsicht auch als kurzzeitige Zwischenvariante von hohem Seltenheitswert. Möglicher Weise sind diese eine Werksausführung der Glockengießerei Carl Friedrich Ulrich (Apolda), der Vorgängerfirma von Franz Schilling (Apolda). Diese sollten ebenso wie das Holzjoch weiter im Turm aufbewahrt werden.
In das Glockengefach der Glocke 1 ragen derzeit die Zugseile der Turmuhrengewichte hinein, die spätestens ab 1924 im Zuge des Einbaus der Turmuhr von Ulrich & Weule (Bockenem) in das Glockengefach eingebaut worden sind. Diese Umlenkrollen befinden sich nach der Umhängung der Glocken in gerade Holzjoche im Schwenkbereich der Glocken und müssen hier in die Deckenbalkenebene um ca. 35…40 cm abgesenkt werden.
Als Antriebe sollten auf Grund der geringen Gefachbreiten des Glockenstuhls, der besseren Einsehbarkeit der Glockenzier sowie der ungünstigeren Befestigung der Läutemotoren auf den Schwellen des Glockenstuhls alternativ elektromagnetische Linearmotoren ausgeschrieben werden.
Im Zuge der Elektrifizierung müssen auch neue Läutemaschinen und Steuerbauteile installiert werden. Als Standort für die Steuertafel sollte vorzugsweise die süd-östliche Turmwand (zwischen den beiden Fachwerkstielen) in der Uhrenstube vor dem Treppenaufgang in die Glockenstube gewählt werden. Hier kann zwischen den Holzbalken mittels zweier Querbalken eine Haltekonstruktion gefunden werden, ohne ins Turmmauerwerk eingreifen zu müssen. Außerdem erfüllt dieser Standort die Vorgaben der VBG bezüglich des Standortes eines zentralen Notausschalters des Geläutes.
Die Kabelführung ist möglichst verdeckt, entlang bestehender Trassen bzw. reversibel auf Putz bzw. innerhalb von Fädelrohren zu verlegen. Hier ist möglichst behutsam vorzugehen.
Folgende glockentechnische Maßnahmen sollen ausgeführt werden:
- Umhängung der beiden Bronzeglocken in gerade Eichenholzjoche, Herstellung und Einbau von 2 Eichenholzjochen in Analogie des vorhandenen historischen Holzjoches, einschließlich Herstellung schmiedeeiserner Bänder und Beschläge
- Neuherstellung von 2 geschmiedeten Klöppeln (< 120 HB Härte) mit reduziertem Gewicht (< 4,0 % des Glockengewichts)
- Erneuerung Glockenlager, Steuerung und dazugehörige elektromechanische Glockenläuteanlage für 2 Glocken,
- Ergänzung Turmelektrik, Turmbeleuchtung (Treppenaufgang) und Erweiterung Steigleitung für Glockensteuerung
[1] Lit.: „Kirchengalerie Sachsen“, Die Inspectionen Penig, Rochlitz, Colditz und Waldheim“, 1843, S. 157
[1] Lit: „Glocken in Sachsen“, Rainer Thümmel, S. 341
[1] Lit: „Glocken in Sachsen“, Rainer Thümmel, S. 404
Die Bauarbeiten wurden mitfinanziert durch LEADER-Förderungen: